Historisches
Aus "Pilgerwege - Santiago de Compostela" von Kurt Benesch
Die Legende um das Apostelgrab in Santiago de Compostela ließ ganz Europa aufhorchen. Urplötzlich war sie aufgetaucht, Jahrhunderte erst nach dem Märtyrertod in Jerusalem, dann entstanden Geschichte um Geschichte über Leben und Wirken des heiligen Jakobus des Älteren. Sie wurden ausgeschmückt und weitergegeben und bewegten die Menschen auf die erstaunlichste Weise.
Es war ein Namensvetter, Jacobus de Voragine, Schriftsteller, Dominikaner und Erzbischof von Genua, der in dem berühmten Volksbuch "Legenda aurea" im 13. Jahrhundert die ordentliche Geschichte des großen Apostels niederschrieb. Bei weitem nicht als erster, aber äußerst wirkungsvoll. Als die Jünger Jesu, so heißt es darin, nach dessen Auffahrt in den Himmel in die Welt hinausgingen, um seinen Auftrag "lehret alle Völker" zu erfüllen, soll dem Jakobus die Iberische Halbinsel zugewiesen worden sein. Er fuhr also nach Spanien, blieb dort aber ohne Erfolg, und da er letztlich nicht mehr als neun Menschen zu bekehren vermochte, entschloss er sich, wieder ins Heilige Land zurückzukehren. Doch auch dort blieb ihm der Erfolg versagt, ein einziger ließ sich zu Christus führen.
Das sollte sich bald ändern. Es gab damals in Palästina einen Zauberer namens Hermogenes, der die Pharisäer tief beeindruckte. Als dieser von den Predigten des Jakobus hörte, schickte er seinen Schüler Philetos zu ihm, um ihn des Irrtums und der Lüge zu überführen. Der Apostel jedoch bekehrte den Mann, worauf Hermogenes alle Teufel um Hilfe anrief. Selbst ihre Macht scheiterte an der des Apostels. Dieser schenkte dem Magier sogar seinen Pilgerstab, damit dieser sich in Zukunft gegen die Teufel verteidigen könne. Hermogenes gab sich geschlagen, warf sich Jakobus zu Füßen und versenkte alle seine Zauberschriften im Meer.
Das Volk war zutiefst ergriffen und wandte sich dem Heiligen zu - König Herodes Agrippa aber konnte den Gesinnungswandel seiner Untertanen nicht ertragen und ließ Jakobus enthaupten. Das war etwa im Jahre 44 nach Christi Geburt.
Und weiter erzählt Jacobus de Voragine, man haben den Leichnam des Heiligen aus Furcht vor dessen Schändung in ein unbemanntes Boot gelegt und dem Meer, besser gesagt, dem Willen Gottes anvertraut. Und Gott lenkte das Boot nach Galicien, dem Reich im äußersten Nordwesten Spaniens, das von einer Königin mit Namen Lupa - die Wölfin - beherrscht wurde. Sie war ebenso schön wie böse und grausam, und als zwei der zurückgebliebenen Jünger das Boot mit dem Leichnam ihres einstigen Lehrers am Ufer entdeckten und sie um einen würdigen Begräbnisplatz baten, unterwarf sie die frommen Männer einer Anzahl schwerer Prüfungen. Sie bestanden die Prüfungen, und als sie zuletzt noch einen Feuer speienden Drachen besiegten, indem sie das Kreuzzeichen über ihn schlugen, bekehrte sich selbst die Königin.
So weit die Geschichte von dem großen Apostel aus der "Legenda aurea" des Namensvetters Jacobus, die noch durch viele weiter Legenden bereichert wurde. So etwa sollen die wilden Stiere, die vor den Wagen mit dem Leichnam des Heiligen gespannt worden waren, plötzlich lammfromm geworden und einem Stern gefolgt sein, der ihnen den Ort anzeigte, an dem der Apostel begraben werden sollte. Auch die beiden Schüler des Heiligen, Theodorus und Athanasius, die mit im Boot nach Spanien gekommen waren und deren Gebeine mit denen des Heiligen bestatte wurden, dürfen nicht vergessen werden.
Dann blieb es Jahrhunderte lang still um Jakobus. Aber im Jahre 813, ein Jahr vor dem Tod Karls des Großen, hatte ein Einsiedler mit Namen Pelagius einen Traum. Engel erzählten ihm von dem großen Apostel, der hier in der Nähe begraben sei, und der fromme Mann gab die Nachricht sofort an Theodemir, den Bischof von Iria Flavia, weiter. ein dreitägiges Fasten wurde angeordnet, und dann ließ der Bischof den Hügel aufgraben, den ein seltsames nächtliches Licht, vielleicht ein Stern, ihm bezeichnete. Sie fanden ein Marmorgrab und darin die Reliquie, und damit beginnt die Geschichte der Stadt Santiago de Compostela - nach Santiago, dem heiligen Jakob benannt - , ein Name, den einige mit "St. Jakob vom Sternenfeld" übersetzt wissen wollen. Andere wieder meinen, es müsse eher vom Wort "compostum" kommen, weil es hier schon seit langem einen römischen Friedhof gab. Und auch die Herkunft von "Feld der Stelen", meinen sie, wäre möglich.