Sonstiges
Die Geschichte vom Pferd
Es war wieder am Nachmittag und wir kehrten in einer kleinen französischen Kneipe ein, in der die rotnasigen Franzosen im Rentneralter von morgens bis abends Rotwein trinken. Da ich ein wenig kränkelte, verzichtete ich auf Rotwein und bestellte stattdessen einen Schwarztee. Um über das Weltgeschehen informiert zu bleiben, wollte ich eine Zeitung kaufen, aber es gab wieder nur die lokalen Schundblätter. Ich nahm trotzdem eines, wegen der Wettervorhersage. Da wir schon einige Tage mit dem Kauf eines Pferdes spekuliert hatten, las ich die Kleinanzeigen durch. Unter der Rubrik Tiere fanden sich fast nur Hunde und zu meiner Überraschung auch viele Schweine. Wieder nichts! Doch was war das? Ganz am Ende war eine Anzeige „Poulaine Haflinger“. Mehr stand da nicht, nur die Telefonnummer. Haflinger kannten wir, aber was war poulaine? Wir schickten meiner Mutter daraufhin eine SMS mit der Bitte es zu übersetzen. Während wir warteten trank ich noch einen weiteren Tee. Wir überlegten uns schon Ausreden, falls meine Mutter nach dem Zusammenhang fragen sollte, denn niemand sollte vor dem geplanten Kauf etwas erfahren bevor nichts Konkretes feststand. Wir einigten uns darauf, ihr etwas von einem Pferdemetzger auf dem Marktplatz zu erzählen, der eben „poulaine-Fleisch“ oder so was ähnlich verkaufte (zuerst wollten wir etwas von einem Kreuzworträtsel erzählen). Kurz danach rief meine Mutter an: poulaine bedeutet weibliches Pferd, also Stute. Das war doch eine erfreuliche Nachricht! Wieso und warum fragte sie übrigens nicht.
Jetzt hatten wir eine Telefonnummer, aber keiner von uns wollte anrufen, einfach so ein Pferd kaufen ist ja bestimmt nicht so einfach und wer weiß wo die Leute wohnen? Also liefen wir erst einmal ein paar Kilometer weiter bis ich den Mut fand die Nummer zu wählen. Der Mann am anderen Ende hörte sich an wie ein achtzigjähriger mit der Faust im Mund. Ich schaffte es, ihn zum Buchstabieren seines Namens zu bewegen, der Ort und dessen Teilgemeinde in der er wohnte, blieben mir nur sehr wage in Erinnerung. Bei der Frage nach dem Preis bekam ich nur undeutliche Angaben in Francs und dann verschwand er von seinem Hörer, um auf seinem Taschenrechner den Eurowert zu kalkulieren, was, mehrere Fehlversuche eingeschlossen, ca. 3 Minuten dauerte. Eine lange Zeit am Telefon, aber ich hielt durch. Ich verblieb mit ihm, dass ich mich mit meiner Frau besprechen müsste und später nochmals anrufen würde (bei diesem Gedanken wurde mir jetzt schon schlecht.).
Jetzt hatten wir eine Telefonnummer und einen Namen, sowie Bruchstücke des Ortes. Wir beschlossen in die nächste Ortschaft zu laufen, wieder in eine Kneipe. Diesmal trank ich einen Wein. Wir ließen uns das Telefonbuch bringen und nach mehreren Vergleichen des von mir gehörten und den im Telefonbuch niedergeschriebenen Ortsnamen kamen nur noch wenige in Frage. Und in einem fanden wir tatsächlich den Namen des Verkäufers.
Jetzt hatten wir eine Telefonnummer und einen Namen und den Ort. Aber wo lag dieser? Zum Glück hatten wir ja das Telefonbuch! Die Vorwahl gehörte zu Roanne, was wir auf unserer Karte auch fanden. Es war sogar der Ort eingezeichnet. Allerdings 80 km von uns entfernt.
Jetzt hatten wir eine Telefonnummer und einen Namen und wussten wohin wir wollten, aber wie? Es war schon nachmittags und es würde bald dunkel werden. Öffentliche Verkehrsmittel? Keine Chance! Ein Taxi nach St.-Etienne, der nächst größeren Stadt war zu teuer. Wir beschlossen also dorthin zu trampen. Die ersten 10 km wurden wir schnell mitgenommen, weshalb ich nochmals beim Verkäufer anrief. Dieses Mal erreichte ich seine Frau. Sie erklärte einigermaßen verständlich den Weg mit dem Auto ab St.-Etienne und bot uns an in ihrer Gite zu übernachten. Davon ermutigt trampten wir weiter. Nach einer Stunde nahm uns eine Frau mit nach St.-Etienne und lieferte uns am Bahnhof ab. Dort nahmen wir uns einen Mietwagen und erreichten nach einigen Umwegen das Dorf. Dort wurden wir herzlich aufgenommen und mit Taschenlampen ausgerüstet besuchten wir noch unser zukünftiges Pferd.
Der abenteuerliche Rücktransport in einem von einer Schlachterei geliehenen Lastwagen, den der Sohn der Familie durch das Hochwasser steuerte ist eine andere Geschichte.